natalia unterwegs

Zeitsprung in die Vergangenheit – ein Wochenende in Stolberg/Harz

Blick auf Stolberg/ vom Bandweg aus

Wir haben 30jährigen Hochzeitstag und wollen diesen klein aber fein feiern, daher buchen wir ein Hotel in Stolberg. Stolberg liegt im Südharz und soll so schön sein. Wir kennen es bisher nicht, da die zweistündige Anreise uns bisher für einen Tagesausflug zu weit waren.

Bei schönstem Sommerwetter gehts los, der erste Wow-Effekt stellt sich bei der Fahrt in den Ort ein. Oben das Schloß, darunter eine große Kirche und unten die vielen gut erhaltenen Fachwerkäuser. Überall Kopfsteinpflaster.

Blick auf den Markt/Stolberg

Wenn man am Markt in der Außengastronomie sitzt, kann man beobachten, wie die Autos um die Ecke biegen, die Insassen mit Handys Fotos machen oder eben nur „einen langen Hals“ um alles zu erblicken. Lustig!

Wir steigen im Stolberger Hof ab, einem Hotel in Familienbetrieb mit über 100jähriger Geschichte. Ich hatte das Standard-Zimmer gebucht, das ist nach Vorne raus. Vorne ist der Marktplatz. Unser Zimmer hat 4 Fenster mit Geranienblumenkästen. Der Ausblick – 1a

Blick aus dem Fenster

Das ist das preiswerteste Zimmer – wie kommt das? Das merken wir am Abend. Durch das Kopfsteinpflaster wirken Autos doch sehr laut, dazu kommen das Stimmengewirr der Touristen von der Außengastronomie und das Glockengeläut – jede Viertelstunde ein Schlag, dazu die Schläge zur vollen Stunde. Um Mitternaccht schlägt es also 16 Mal! Nach hinten raus wäre es wirklich ruhiger gewesen, aber ich hätte nicht tauschen wollen. Wir sind eben mitten drin im Leben und werden am frühen Morgen Zeuge, wie die Schwalben mit ihren Jungen Flugschule abhalten und Insekten frühstücken. Wir fühlen uns wie aus der Zeit gefallen.

Bevor wir den Abend einläuten machen wir noch einen Spaziergang durch den Ort.

Viele alte Türen, tolle alte restaurierte Fachwerkbauten kann man bestaunen, es ist eigentlich alles historisch. Das macht den Reiz aus. Oben am Schloß sehen wir eine Statue, die Juliana von Stolberg darstellt. Die Urmutter der niederländischen Oranier. Durch Stolberg führt auch die Oranje-Route. Jetzt erahne ich, warum wir im Ort auffallend vielen Holländern begegnen.

Darstellung Juliana von Stolberg

Mich interessiert diese Frau von der ich auf einer Schautafel erfahre, dass sie 2 mal verheiratet war und viele Kinder hatte. 5 aus erster, 12 aus zweiter Ehe. Ich google. Da ergibt meine Recherche, dass dieses Frau mit 18 Jahren das erste Kind und mit 44 Jahren das 17. Kind gebar. Sie ist 1506 geboren und wurde 74 Jahre alt, hatte 9 Töchter und 8 Söhne von denen sie nur 2 überlebte. Viele ihrer Söhne sind gefallen. Sie habe zu ihren Kindern eine enge Bindung gepflegt, über regen Briefverkehr, nachdem diese ausgezogen waren. Die geschichtliche Bedeutung dieser Frau liegt in ihren vielen Nachkommen, sie sei die Stammmutter zahlreicher regierenden Königshäuser geworden.

Mich interessieren hier Dinge, die in den Geschichtsbüchern nicht stehen. Wie schnell geht eine 12. Geburt? Wie bei Monty Python in dem Film Sinn des Lebens? Selbst mein drittes Kind ist in der Badewanne geboren, der Arzt war zu spät. Was machen 17 Schwangerschaften mit dem Körper der Frau? Hatte sie noch Zähne? Liebte sie ihre Männer? Ich habe immer gedacht, dass im Mittelalter eine Geburt für Frauen immer ein Risiko war. Und von hoher Kindersterblichkeit habe ich auch gehört. Und hier gebärt eine Frau 17 mal! Ich schwanke zwischen Hochachtung und Schrecken.

Die Schauhöhle Heimkehle

Am nächsten Morgen wollen wir in die nahegelegene natürliche Höhel Heimkehle fahren. Diese kann man jedoch nur im Rahmen eine Führung besichtigen. 10, 12 Uhr oder später. Wir entscheiden uns für 10 Uhr, was eine gute Entscheidung war. Wir sind die einzigen Interessierten so früh und wir bekommen die Führung exclusiv!

Ausgestattet mit Helm geht es hinein, zum Teil muss selbst ich mich bücken. Bei dieser Höhle handelt es sich um eine natürliche Höhle, Bergbau hat nie stattgefunden. In den 1920 Jahren florierte der Tourismus, Besucher konnten in der Höhle auf den Seen mit Booten fahren. Zu Zeiten des 2.Weltkrieges haben die Nazis die beiden Seen mit Beton versiegelt und diese als Halle für den Flugzeugbau benutzt. Diese konnten nicht zerbombt werden. Gearbeitet haben in der Höhle Zwangsarbeiter aus den eroberten Gebieten (Ingenieure), die in den nahegelegenen Konzentrationslagern inhaftiert waren. Heute weist eine Gedenkstätte im Berg auf dieses Unrecht hin. Besonders tragisch, kurz vor Kriegsende wurden die KZs geschlossen und die Häftlinge sollten auf dem sogenannten Todesmärschen in andere KZs verlegt werden. Als der Marsch durch kaputte Brücken nicht mehr möglich war, wurden die Menschen (etwa 1050) in eine Scheune bei Gardelingen getrieben und dort verbrannt. Etwas Unvorstellbares, wovon wir beim Besuch der Höhle eine kleine Ahnung bekommen haben. Schon die Arbeit hier unten ist unzumutbar.

Es ist komisch, von so tragischen Geschehen auf schöne oder lustige Begebenheiten überzugehen, ich möchte es aber trotzdem. In der großen Halle, die Dom genannt wird, spielt die nette Dame, die uns die Höhle zeigt, das Lied Sound of Silence vor. Die Akustik ist atemberaubend!

Das gelbe Schild ist die Landesgrenze von Sachsen-Anhalt zu Thüringen. Auf der Seite Sachsen-Anhalt funktioniert der Strom, die Höhle ist beleuchtet. In Thüringen gibt es einen Defekt. Da die Wände feucht sein können, darf aufgrund der Sorge vor Stromschlägen die Beleuchtung nicht angeschaltet werden. Die Reparatur stockt aufgrund der Bürokratie, sagt man uns. Wir gehen also mit tragbaren Leuchten weiter, was nur gemacht wird, wenn die Gruppe klein ist. Im hinteren Bereich sehen wir einen See, der nicht zugegossen wurde, da er als Trinkwasserreservoir diente. Hier tauchen auch die Höhlenforscher, denn die Höhle ist noch größer als das, was wir zu sehen bekommen. Ich würde auf gar keinen Fall hier ins Wasser gehen wollen.

Das Josephskreuz

Josephskreuz in Stolberg

Eigentlich wollten wir ja zum Josephskreuz wandern, entscheiden uns aber jetzt dazu, gemütlich am Parkplatz zu parken und die 20 Minuten nach oben zu gehen, das soll reichen.

Das Kreuz steht auf dem großen Auerberg in 580m Höhe. An dieser Stelle gab es zunächst einen Fachwerkturm aus Holz, dieser wurde wohl baufällig und letzendlich sei der Blitz eingeschlagen. Dann wurde Ende des 19.Jhrds. dieser „Eifelturm des Harzes“ erbaut (Fertigstellung 9.8.1896). Man muss 200 Stufen bewältigen, um oben die Aussicht zu genießen, 100000 Nieten aus Stahl seien verbaut worden.

Wir kämpfen uns nach oben, dort ist es windig aber aussichtsreich. (Am nächsten Morgen merke ich die 200 Stufen in den Oberschenkeln)

Kein schöner Land in dieser Zeit,

als hier das unsre weit und breit,

wo wir uns finden, wohl unter Linden……..dieses Lied habe ich früher geliebt, wurde im Sommer bei Gemeindefesten gesungen. Jetzt, als wir zum Kreuz hochstapfen, stehen in Abständen Liedtafeln mit Text am Wegesrand und motivieren zu singen. Eine Gruppe junger Männer kommt uns entgegen und singt los. Wunderschön! Hätte ich ihnen nicht zugetraut. Mein Herz geht auf! Musik verbindet!

Jetzt wollen wir in der Wellnessabteilung ausspannen, fahren zurück zum Hotel, nehmen aber noch einen Fotospot mit. Sehr große Sonnenblumenfelder finden sich hier in der Gegend. Einige Autos halten an und die Leute probieren sich im optimalen Foto.

Sonnenblumen vor Eisenbahn

Hängebrücke an der Rappbodetalsperre

auf der Hängebrücke

Schon lange wollte ich hier mal hin. Direkt neben der Rappbodetalsperre wurde eine Hängebrücke gebaut. Diese Seilhängebrücke gehöre zu den längsten in der Welt. Weil unser Hund nicht mit drauf darf, bietet sich die Unternehmung heute an, Momo ist selbst (woanders) in Urlaub.

Bei Ankunft sind wir zunächst überwältigt von den Menschenmassen. Ein großer moderner Parkplatz neben Imbissbuden, Kassenhäuschen, Toilettenhäuschen…. Verschiedene Events werden angeboten, über die Brücke gehen, Aussichtsplattform, Zipp-line und sogar Bunjee Jumping. Hier geht es vor allem um eins: Geld verdienen. Klar, verstehe ich. Aber irgendwie ist das krass nach dem beschaulichen Städtetripp. Trotzdem, wir zahlen 2x Brücke und los gehts.

Es schwankt! Doll sogar! Vielen Menschen sieht man an, dass Ihnen nicht so wohl ist. Uns macht es nichts aus, wir haben sogar Glück und schaffen es, Fotos zu machen, ohne die Massen.

Jetzt hätten wir Lust auf Kaffee und Kuchen, aber nicht hier. Beim Betrachten der Route sehen wir, dass wir durch Blankenburg fahren. Da kennen wir einen Geheimtipp.

In Blankenburg gibt es einiges zu sehen. Eine Entdeckung vorheriger Touren ist das Teehäuschen, ganz oben am Ende des Barockgartens. Hier kann man im Schatten leckeren Kuchen essen. Nur die Hälfte der Tische ist besetzt, die Bedienung ist freundlich und wir machen ein bisschen Konversation. Hier kann man gut verweilen!!!

Satt und erfüllt von den vielen tollen Erlebnissen fahren wir nach Hause! Bis zum nächsten Mal im Ostharz!

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